Die Kelter Gottes (1946)

Aus Frühe Texte der Holocaust- und Lagerliteratur 1933 bis 1949
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Angaben zum Werk

Titel Die Kelter Gottes
Autor Ballhorn, Franz (1908-1979)
Genre Tagebuch

Ausgaben des Werks

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Ausgabe von 1946, Münster
Titel Die Kelter Gottes

Erscheinungsort Münster
Erscheinungsjahr 1946

Verlegt von Der Quell

Umschlaggestaltung von Schardt, Hermann

Umfang 178 Seiten
Abbildungen Eine Fotografie von Renger-Patzsch

Bibliotheksnachweise UBGI-icon.gif UB Gießen (Print-dnb-icon.gif gedruckte Ausgabe)
UBGI-icon.gif UB Gießen (Online-dnb-icon.gif elektronische Ausgabe)
DNB-icon.gif Deutsche Nationalbibliothek (Print-dnb-icon.gif gedruckte Ausgabe)

Zusammenfassung

Das Tagebuch von Franz Ballhorn thematisiert die Hafterfahrungen in diversen Gefängnissen und im Konzentrationslager Sachsenhausen. Ballhorn wurde im Jahr 1940 wegen Hoch- und Landesverrat in den Niederlanden (Breda) festgenommen und blieb bis zur Befreiung 1945 inhaftiert. Er arbeitete für eine katholische Zeitschrift, die sich gegen den Nationalsozialismus stellte. Seine politische Einstellung und sein aktiver Widerstand führten dazu, dass er zunächst in einem Polizeigefängnis, in Untersuchungshaft und schließlich nach einem Verhör im KZ Sachsenhausen eingesperrt wurde. Zwischenzeitlich wurde sein Haftbefehl aufgehoben, aber statt auf freien Fuß zu kommen, wurde er erneut ins KZ eingeliefert. Die Haftzeit endete mit einer Evakuierung des Lagers und dem Rückzug der SS-Männer. Die Häftlinge wurden sich selbst überlassen. Das Tagebuch endet damit, dass Ballhorn in einem sauberen Bett aufwacht und sein Glück kaum fassen kann.

Die Tagebucheinträge haben den Charakter von Berichten. Es werden zahlreiche Namen erwähnt und häufig werden die Schicksale der erwähnten Personen wiedergegeben. Beschrieben wird etwa der „Fall Adriaan“ (S. 32): Ein junger Mann schläft über einer Illustrierten ein und seine Zigarette fällt auf die Zeitschrift und brennt ein Loch in Adolf Hitlers Gesicht. Da ihm eine feindselige Absicht unterstellt wird, wird er in das Gefängnis am „Alex“ gebracht. Nach kürzester Zeit wird er „auf Transport gestellt und entschwindet so [dem] Gesichtskreis“ (S. 33).

Der Alltag Ballhorns wird durch seinen tiefen Glauben bestimmt, so zitiert er häufig lateinische Verse: „‘Lex veritatis fuit in ore ejus, et iniquitas non est inventa in labiis ejus‘ … ‚Das Gesetz der Wahrheit war in seinem Munde, und Unrecht fand man nicht auf seinen Lippen‘“ (S. 8). Auch aus dem Gedenken an die Heiligen, etwa an deren Namenstagen, schöpft er Kraft für seine Situation. Die Zeit der Untersuchungshaft im „Alex“ wird durch einen strikten Zeitplan, den fünf Pfarrer für ihre Mitgefangenen entwerfen, erträglich gemacht. Die Gefangenen werden von der Gefängnisorganisation weitestgehend dazu gebracht, den Tag ohne feste Strukturen und mit wenig Beschäftigung zu verbringen, sodass der Plan der Pfarrer dazu beiträgt, eine mögliche Lethargie zu vermeiden.

Ballhorn beschreibt seine Überfahrt in das KZ Sachsenhausen und die mit der Aufnahmeprozedur verbundene Rasur beziehungsweise „Entlausung“ (S. 64). Die folgenden Einträge drehen sich um den Alltag im KZ. Am meisten bedrücken Ballhorn die Masse an Menschen und die mangelnde Privatsphäre.

Am 19. April 1941 wird Ballhorn wieder nach Berlin gebracht und ins Gefängnis überstellt. Dort wird er verhört und soll seine Kameraden verraten, was er jedoch nicht tut. Am 30. Juli wird Ballhorn bei einem Prozess freigesprochen und der Polizei übergeben; das Verfahren wird wegen mangelnden Tatbestands eingestellt. Er wird zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht und als Polizeigefangener wieder inhaftiert. Am 30. November wird Ballhorn erneut in das KZ Sachsenhausen überstellt.

Immer wieder werden die unmenschlichen Bedingungen geschildert, so etwa das Vergnügen der SS, Homosexuelle zu Tode zu quälen. Es finden auch öffentliche Hinrichtungen statt, an denen die Häftlinge teilnehmen müssen. Auch das mangelnde Essen und das Abmagern der Häftlinge werden ins Zentrum der Tagebucheinträge gerückt. Am 21. März 1942 läuft Ballhorn und seinen Kameraden eine Katze über den Weg, die sie aus Hunger schlachten und essen. „Es war ein wahres Festessen“ (S. 94). Während die Häftlinge hungern, geht es den Tieren, die die Kommandantur hält, verhältnismäßig gut: „Die Schweine […], die im Lager gemästet werden, leben besser als unsere Kranken“ (S. 120).

Das Thema der Religiosität ist in nahezu jedem Tagebucheintrag zu finden. Es gibt eine „unterirdische Kirche“ (S. 122) im Lager, die sich versteckt halten muss, da „[o]ffene religiöse Propaganda […] nicht möglich“ sei (S. 123). Zudem gibt es eine feste Glaubensgemeinschaft, die sich nach kirchlichen Regeln richtet und so den Glauben aufrechterhält. Auch Kirchenlieder werden gesungen und es wird von zwei Taufen berichtet.

Die Tagebucheinträge werden durch eine fünfmonatige Pause unterbrochen (November 1942-April 1943), da Ballhorn an Fleckfieber und Bauchtyphus litt und nicht schreiben konnte. Er ist auf 48 Kilogramm heruntergemagert und meistert doch weiter das Überleben im Lager. In den folgenden Tagebucheinträgen wird von den Schicksalen seiner Freunde und von anderen Gefängnissen in anderen Ländern berichtet, die im Vergleich zum Lager ein gutes Leben bieten. Vor der Evakuierung des Lagers finden zahlreiche Massenmordaktionen statt, auch vom Einsatz von Gas wird berichtet. Die Ausführungen Ballhorns sind im Präsens verfasst. Auffällig ist, dass auch wörtliche Rede in ihnen vorkommt und zahlreiche Verse und Zitate enthalten sind. Ein Fokus liegt auf der Nennung der bekannten Opfer und deren Schicksale. Ein weiteres Motiv ist der Glaube, aus dem Ballhorn seine Kraft schöpft. Die institutionell kirchliche Strukturierung des Lebens und die Fortführung der Rituale im Lager geben dem Autor eine Orientierung und helfen ihm dabei, nicht aufzugeben. Dem Text ist kein Vor- oder Nachwort angehängt, das Aufschluss darüber geben könnte, wie Ballhorn es schaffte, sein Tagebuch zu schreiben. Nur an einer Stelle wird erwähnt, dass er für das Geständnis Papier bekommt und so die Möglichkeit hat, seine Tagebuchnotizen weiterzuführen. Eine eventuelle Überarbeitung der Notizen wird nicht weiter erwähnt.


Biografie

Franz Ballhorn, geb. am 29. November 1908 in Münster, gest. am 27. Februar 1979 in Nottuln, wuchs als Sohn des Schreiners Heinrich Ballhorn und der Mutter Elisabeth Ballhorn, geb. Sprenger, die Hausfrau war, in Münster mit den Geschwistern Hedwig und Heinrich katholisch auf. Ballhorn war vier Jahre auf der katholischen Overbergschule und besuchte ab 1919 die Konrad-Schlaun-Oberrealschule, an der er im Februar 1928 die Reifeprüfung ablegte. Im April 1928 immatrikulierte sich Ballhorn an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er studierte Philologie mit den Fächern Germanistik und Anglistik.

Ende des Wintersemesters 1932/33 exmatrikulierte sich Ballhorn und engagierte sich in der Katholischen Jugendbewegung und versuchte sich gegen deren Gleichschaltung zu wehren. Um nicht verhaftet zu werden, floh er im September 1934 nach Oldenzaal in den Niederlanden und lebte dort unter dem Decknamen Jan van Degen. 1936 heiratete er heimlich Hildegart Jacobs. Am 19. Oktober 1938 kam ihre Tochter Elisabeth Ballhorn zur Welt.

In Holland versuchte Ballhorn den Nationalsozialismus weiter zu bekämpfen, indem er als Redakteur für die Zeitschrift „Der Deutsche Weg“ tätig war. Im Mai 1940 wurde Ballhorn wegen Hoch- und Landesverrats festgenommen und blieb bis 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Am 24. Oktober 1942 erfolgte die standesamtliche Vermählung im KZ Sachsenhausen, für die Hildegart Jacobs extra anreiste. Nach Kriegsende war Ballhorn ab 1945 Angestellter der Stadtverwaltung Münster und Mitbegründer der CDU. 1947 kam der Sohn Franz-Josef zur Welt. Ab 1947 war Ballhorn bis zu seiner Pensionierung Amtsdirektor in Nottuln. 1949 war er Mitglied des Kreissonderhilfsausschusses für politisch, rassisch und religiös Verfolgte in Münster, er wurde Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses und 1958 trat er als Zeuge in einem Kriegsverbrecherprozess auf.

1953 wurde ihm das Verdienstkreuz der niederländischen Widerstandsbewegung verliehen. Ferner erhielt er im Jahr 1964 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1974 wurde ihm der Orden „Ritter vom Heiligen Orden Gregors des Großen“ durch Papst Paul VI. verliehen.


Quelle:


Werkgeschichte

Das Werk wurde in einem unveränderten Nachdruck im Jahr 1980 ebenfalls beim Verlag „Der Quell“ erneut veröffentlicht.


Bearbeitet von: Sandra Binnert